Warum wir alle Macho-Mamas werden sollten

Keep Smiling, Business-Mom! (Foto: rawpixel.com / Unsplash)
Keep Smiling, Business-Mom! (Foto: rawpixel.com / Unsplash)

Was die Frau daran hindert, Karriere zu machen, ist ihr eigenes Kind. Und völlig überzogene Vorstellungen davon, wie eine Mutter sein muss. Zwei Schweizer Autorinnen fordern Frauen auf, mehr Macho zu sein – aber sie nehmen auch den Mann in die Pflicht.

Der kritischste Punkt in der Karriere jeder arbeitenden Frau: die Geburt des Kindes. Das ist der Zeitpunkt, an dem den Frauen ihre Karriere abhanden kommt. Dabei geht es nicht darum, dass sie nicht vorher bereits arbeiten und hinterher mit flexiblen Modellen – oftmals Teilzeit – wieder einsteigen können. Was hier passiert, ist etwas anderes: Ein Kind macht Frauen zu arbeitenden Müttern, aber nicht zu beruflich erfolgreichen Frauen mit Kind.

Die Gründe dafür sind vielschichtig: In Teilzeit ist es schwer, gegen Vollzeit-Kollegen zu konkurrieren, Mütter gelten generell als weniger zuverlässig, weil sie durch die Kinder mehr Kranktage haben, und überhaupt wird ihnen – unausgesprochen – vorgeworfen, das sich ihre Prioritäten zugunsten ihres Privatlebens verschieben und ihr Job nicht mehr an Nummer eins kommt.

Permanent ein schlechtes Gewissen

Das ist die erst einmal wenig überraschende Ausgangsthese des Buches „Macho-Mamas“ von Nicole Althaus und Michèle Binswanger. Frauen und Männer haben den gleichen Zugang zu Bildung und sind theoretisch in der Arbeitswelt gleichberechtigt – bis die Kinder kommen. „Mit den Kindern ziehen auch die Geschlechterideologien ins traute Heim“, konstatieren die beiden Schweizer Autorinnen. Und: „Der Mythos der Supermutter hat die Emanzipation unbeschadet überstanden.“ Das Ergebnis: Auf den Schultern der arbeitenden Frau von heute lastet ein permanent schlechtes Gewissen und das Gefühl, nirgendwo gut genug zu sein, weder zu Hause noch im Büro.


Dies ist ein Stück, das für das Projekt „BizzMiss“ entstanden ist – ein Online-Magazin, das ich im Jahr 2014 mit drei Mitstreiterinnen gründete. BizzMiss gibt es mittlerweile nicht mehr. Hier habe ich notiert, warum das gut ist.


Hinzu kommt, dass viele Frauen auch selbst davon ausgehen, dass sich Mutterschaft und Karriere nicht vereinbaren lassen. Der neue Feind der arbeitenden Frau: Nicht mehr der Mann, sondern das eigene Kind. Eine bittere Erkenntnis von Althaus und Binswanger: Die Frauen stehen sich selbst im Wege.

Leidenschaftliches Plädoyer für Konkurrenzlust

Damit liegt aber auch ein Teil der Lösung bei der Frau. Sie fordern deshalb, dass Frauen sich vom „Ideal der omnipotenten Mutter“ befreien sollten, um beides, Familie und Karriere,  verwirklichen zu können. Sie sollen „Macho-Mamas“ werden, mütterlich und ehrgeizig zugleich. Das Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Konkurrenzlust. Verabschiede Dich von der Illusion, Frauen seien nur solidarisch! rufen Althaus und Binswanger in die Welt.

Doch an dieser Stelle bleiben die beiden zum Glück nicht stehen: Sie nehmen auch die Männer in die Pflicht. Beide Geschlechter sollten sich bemühen, die beruflichen Karrieren familienverträglich zu machen und die hohen Kosten von Nachwuchs gleichmäßiger zu verteilen, fordern sie. Das ist eine Sprache, die ganz sicher auch Männer verstehen – und ganz nebenbei wollen die beiden damit auch noch das Problem lösen, dass die Menschen in Europa immer weniger Kinder bekommen. Eine Umverteilung der Kosten kann die „Gebärfreude“ der Frauen ankurbeln, meinen die beiden Autorinnen.

Balanceakt zwischen Geschäftstelefonat und Kinderkotze

Hellsichtig entlarven sie das Konzept „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“: Heute bedeutet „Vereinbarkeit“ doch in Wirklichkeit, dass die Frau beides addieren kann, Kind und Job. Da wird das Home Office zum Balanceakt zwischen Geschäftstelefonat und Kinderkotze – die Frau wuppt irgendwie beides mal recht, mal schlecht, ohne dass ihr aber etwas abgenommen worden wäre.

Althaus und Binswanger fordern folgerichtig, die Arbeitsstrukturen der gesellschaftlichen Entwicklung anzupassen. Der Hebel ist der Mann. Er muss in seine Vaterrolle aufrücken, sie genauso selbstverständlich ausfüllen wie die Frau. Denn wo die Frau sich Freiräume schafft, müssen diese vom Mann gefüllt werden. Vaterschaft muss also endlich mehr sein als nur regelmäßig das Portemonnaie zu öffnen oder – oh, wie fortschrittlich – ein bisschen Elternzeit zu nehmen. Väter müssen aufrücken in das emotionale und organisatorische Zentrum der Familie. Dorthin, wo die Frauen schon immer waren. Denn nur wenn die Männer endlich dort ankommen, wird die Frau beweglich.

Eine grundlegend gewandelte Gesellschaft

Wenn die Frau Karriere machen will, wenn die Gesellschaft das weibliche Potential nutzen will – und das sollte sie dringend tun! – dann braucht die Frau also den richtigen Partner an ihrer Seite. Althaus und Binswangers Forderung ist aber umfassender: Es geht nicht nur um der Nukleus der Gesellschaft, die Familie, sondern es geht ihnen auch um die Gesellschaft. Die gewandelte Familie muss eingebettet sein in eine grundlegend gewandelte Gesellschaft, in der die Selbständigkeit der Mutter etwas ganz selbstverständliches ist.

Diese Schlussfolgerung wird von den beiden Autorinnen manchmal etwas zu wortreich, dabei aber durchaus nachvollziehbar entfaltet. “Macho-Mamas” wird damit zu einem Plädoyer für die Abschaffung von Genderzuschreibungen – nicht weniger, aber auch nicht viel mehr. Das hat man irgendwie schon häufiger gelesen, und man beginnt sich zu fragen, ob das daran liegt, dass niemand weitersuchen mag.

Oder dass es einfach keine andere Antwort gibt.

 

Nicole Althaus, Michèle Binswanger: „Warum Mütter im Job mehr wollen sollen“
Nagel & Kimche Verlag, 176 Seiten, 17,90 Euro

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