Was ich aus meinem Scheitern gelernt habe

Gescheitert (Foto: JoeEsco / photocase.de)
Gescheitert? Bloß nicht den Kopf hängen lassen! (Foto: JoeEsco / photocase.de)

Scheitern ist enorm tabuisiert in unserer Gesellschaft. Doch wenn wir nicht darüber reden, nehmen wir uns so viel. Ich bin gescheitert und froh darüber! Hier sind meine Learnings.

Ich bin gescheitert. Gescheitert mit einem meiner Projekte, dem Online-Magazin „BizzMiss“, das ich vor zweieinhalb Jahren mit drei Mitstreiterinnen launchte. Zu Beginn dieses Jahres beendeten wir das Projekt. Und so traurig es ist, ein Baby zu beerdigen, an dem man über zwei Jahre arbeitete, so viel Gutes steckt darin und so viel Positives ist daraus entstanden.

Ich werde nicht behaupten, dass ich glücklich darüber bin, dass wir das Projekt eingestampft haben – einfach, weil ich davon ausgehe, dass sich vieles daraus entwickelt hätte, wenn wir weitergemacht hätten. Doch ich bin auch nicht unglücklich über unser Scheitern, so viel anderes hat sich daraus entwickelt. So sehr habe ich mich dadurch entwickelt. Es fühlt sich eher an, als hätte das Ende des Projektes bewirkt, an einer anderen Stelle abzubiegen – doch wie das Ende eines Weges fühlte es sich keine Sekunde an.

Mein Weg ist nun ein anderer, er ist nicht minder spannend, nicht minder aufregend, nicht minder inspiriert. BizzMiss war ein notwendiger Abschnitt dieses Weges, ich habe viel gelernt und bin daran gereift – und dieses Rüstzeug nehme ich mit auf meine weitere Reise und das kann mir auch niemand mehr nehmen.

Vor einigen Monaten habe ich angefangen, darüber zu sprechen, zuerst auf der Republica unter dem Titel „Was ich aus meinem gescheiterten Startup gelernt habe“. Ich habe schon auf der #RPten viel Rückmeldung bekommen und das ist seither nicht mehr abgerissen. Immer wieder bin ich eingeladen worden, darüber zu sprechen und ich werde auch im September auf der Scheitern-Konferenz von Get Engaged sprechen.

Kürzlich sprach ich auf einer Führungskräfte-Veranstaltung über mein Scheitern. Spontan meldete sich eine Teilnehmerin und sagte: „Ich finde es sehr mutig, dass Du so offen darüber sprichst!“ In diesem Satz steckt die gesamte Tabuisierung von Scheitern in unserer Gesellschaft. Denn in dem Moment, wo sie das sagte, wurde mir bewusst: Ich empfinde das gar nicht als mutig. Warum sollte ich nicht darüber sprechen? Für mich war es wie ein Beschleuniger für meine weitere Entwicklung und ich bin aufrichtig glücklich darüber.

Ich habe viel gelernt in den vergangenen Jahren. Meine wichtigsten Learnings möchte ich heute mit Euch teilen.

1. Drum prüfe, mit wem Du gründest…

Einer der Hauptgründe für unser Scheitern war, dass das Team auseinandergefallen ist, weil zwei meiner Mitgründerinnen im ersten Jahr schwanger wurden. Wir haben versäumt, darüber zu reden, was das für das Projekt bedeutet und wie wir damit umgehen. Und weil wir nicht ausführlich genug darüber gesprochen haben, konnten wir nicht vorbauen. Als die beiden in Elternzeit gingen, rissen sie eine Lücke, die wir nicht füllen konnten.

Mein Rat: Sprecht über Eure Zukunftsplanung, über Ziele, die ihr mit dem Projekt und neben dem Projekt verfolgt. Und wenn ihr das nicht deckungsgleich bekommt, dann nehmt Abstand davon gemeinsam zu gründen und sucht weiter nach Mitgründern, die besser passen. Wenn nicht gleich die ersten potenziellen Mitgründer passen, heißt das noch lange nicht, dass damit das Projekt tot ist. Weitersuchen ist die Devise!

2. Kreiere ein diverses Team

Bei BizzMiss haben wir viel über Diversity geschrieben und wie wichtig die ist. Doch wir haben das bei unserem eigenen Projekt übersehen. Ich verstehe nun, warum viele Führungsetagen männlich sind und männlich bleiben – wenn man Vielfalt nicht ganz bewusst angeht, passiert das schnell, dass man nur seinesgleichen um sich scharrt. Wir waren nicht nur geschlechtsmäßig sehr homogen – vier Frauen – wir waren uns auch sonst viel zu ähnlich: Nahezu gleich alt, ähnliche gesellschaftliche Hintergründe und ähnlich ausgebildet, Journalismus mit Schwerpunkt Wirtschaft. Das bedeutete, dass wir schöne Texte schrieben, doch in anderen Bereichen wie Marketing oder IT blinde Flecken hatten. Wir haben durchaus versucht, das auszugleichen, rückblickend muss ich jedoch feststellen, dass es einen riesigen Unterschied macht, ob man sich mal gelegentlich Input dazu holt oder ob man jemandem im Team hat, der im Lead dafür verantwortlich ist.

Mein Rat: Ihr seid dabei zu gründen? Mit einer Idee, die mit Freunden zusammen entstanden ist? Sehr schön! Aber macht Euch aktiv auf die Suche nach Mitgründern, um das Team vielfältig aufzustellen. Wenn ihr niemanden findet – verschiebt den Launch. So wichtig ist das nämlich!

3. Scheue nicht vor dem Papierkram zurück

Als die Idee mit BizzMiss entstand, waren wir total heiß darauf anzufangen. Von der Idee bis zum Launch sind nur wenige Monate vergangen. So schön das war, als wir live gingen: Wir hätten uns mehr Zeit nehmen sollen und ein bisschen mehr Papierkram erledigen sollen. Wir haben zum Beispiel keinen Anwalt aufgesucht um uns beraten zu lassen, ob die GbR wirklich die beste Gesellschaftsform ist für uns. Auch haben wir zu wenig Zeit darauf verwendet, uns zu überlegen, woher Geld kommen kann. Businessmodelle für Online-Journalismus zu erfinden ist schwierig und wir waren so von den Inhalten getriggert (vier Journalisten eben), dass wir dachten, dass wir erst einmal anfangen. Der Rest würde dann schon zusammenkommen. Ja, es kommt vieles zusammen, das stimmt – aber manches eben nicht.

Mir fällt das übrigens besonders oft im Journalismus auf, dass da so viele Überzeugungstäter agieren, die eigene Projekte hochziehen und den Gedanken an das schnöde Geld vernachlässigen (auch weil sie in einer Branche agieren, die ihnen abtrainiert, den Geldwert ihrer Arbeit zu benennen). Doch Geld ist vital, so einfach ist das – ohne Geld kein Projekt.

Mein Rat: Überlegt Euch, was der Worst Case ist, der bei Eurem Projekt eintreten kann und baut vor. Denn wenn ihr darauf vorbereitet seid, tritt er bestimmt nicht ein.

4. Gehe hinaus in die Welt und erzähl von Deinem Projekt

Wir waren zu bescheiden, das kann ich heute sagen. Wir dachten irgendwie, wir müssten alles allein hinbekommen. Doch dadurch haben wir uns viel genommen – viel Unterstützung, viel Feedback, viel Inspiration.

Mein Rat: Sprich mit anderen Menschen über Dein Projekt, von der allerersten Planungsphase an. Menschen helfen gern, auch das habe ich gelernt – und sie haben echt viel zu geben.

5. Halte nicht an einem gescheiterten Projekt fest

Gescheitert? Aufstehen, Staub abklopfen, weitergehen! BizzMiss zu beenden war folgerichtig und ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt schon so weit entwickelt, dass sich das Ende des Projektes richtig und gut angefühlt hat. Manchmal ist so etwas nötig, um den Fokus neu auszurichten, um sein Kraft- und Zeitbudget neu einzuteilen.

Mein Rat: Konzentriert Euch auf das, was Euch gut tut und was Euch voranbringt. Wenn ihr an so einem Projekt klebt, dann analysiert, woran das liegt: Aus Gewohnheit? Aus Angst, sich sein Scheitern einzugestehen? Oder tatsächlich, weil da noch Potenzial drinsteckt? Nur dann solltet ihr am Ball bleiben.

Das sind die wichtigsten Lektionen, die ich aus dem Ende von BizzMiss mitgenommen habe. Werde ich noch einmal scheitern? Vielleicht. Diese Erfahrung hält mich jedenfalls absolut nicht zurück, über eine neue Gründung nachzudenken. Doch wenn ich noch einmal scheitere, dann ganz sicher nicht aus denselben Gründen – das weiß ich.

Happy Failing!

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2 Gedanken zu „Was ich aus meinem Scheitern gelernt habe

  • 11. August 2016 um 5:06
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    Fail fast, fail often, fail forward. Je schneller Startups Neues ausprobieren und dabei Fehler machen, um so schneller können sie aus diesen Fehlern lernen und wachsen.

    Schade, dass es bei euch nicht geklappt hat mit dem „großen Wurf“. Aber die persönlichen Erfahrungen in diesem Artikel sind auch für Außenstehende wichtig. Für mich waren es vor allem die beiden ersten Punkte: Die Entwicklung eines cross-functionalen Teams aus Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten aber gleichen Zielen und Werten ist zentraler Erfolgsfaktor.

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    • 11. August 2016 um 10:03
      Permalink

      Ja, deshalb steht das da direkt am Anfang: Diversity ist keine Kosmetik und kein Gefallen für irgendeine Gruppe, sondern Grundvorausssetzung für vitale Teams. Mein Scheitern ist für mich kein Makel, sondern ein Wissensvorsprung!

      Antwort

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