Wie das mit der Vereinbarkeit klappt

Homeoffice (Foto: markusspiske / photocase.de)
Nicht allein Telearbeit oder Gleitzeitmodelle bringen uns ans Ziel. (Foto: markusspiske / photocase.de)

“Lean In” oder sich locker machen, irgendwie so wird das mit der Vereinbarkeit schon klappen. Nein, meine ich, weil sich all diese Appelle noch immer vornehmlich an Frauen richten. Der Weg zu echter Vereinbarkeit von Familie und Job ist deshalb ein anderer.

“Lean In” ist voll von gestern. Heute darf man sich auch mal wieder ein bisschen zurücklehnen. Nein, wir müssen es sogar, weil uns sonst all unsere Anstrengungen auffressen – wir brauchen mehr Entspannung in den Köpfen, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, forderte Robert Franken.

“Hört auf zu jammern!”, rief Nina Diercks fast zeitgleich genervt in die Welt hinaus. Wer akzeptiert, dass sich das Leben mit Kind grundlegend verändert und sich noch dazu von seinem Perfektionismus verabschiedet, hält den magischen Stein der Weisen in der Hand. Wir haben Vereinbarkeit zu sehr aufgeladen: Es heißt eben nicht, alles gleich gut hinzubekommen, sondern neu zu gewichten, sich von seinem Perfektionismus zu verabschieden und dann alles (irgendwie) hinzubekommen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ohne Perfektionismus gewinnt man viel Freiheit

Beides klingt verdammt gut, ganz so einfach ist es aber dann doch nicht. Sicherlich ist ein wesentlicher Punkt, den Druck herunterzufahren und sich von unrealistischen Vorstellungen zu verabschieden, ohne Frage. Wer den Perfektionismus über Bord wirft, gewinnt eine Menge Freiheit.


Dies ist ein Stück, das für das Projekt „BizzMiss“ entstanden ist – ein Online-Magazin, das ich im Jahr 2014 mit drei Mitstreiterinnen gründete. BizzMiss gibt es mittlerweile nicht mehr. Hier habe ich notiert, warum das gut ist.


Aber wie man es dreht und wendet: Es fühlt sich an, als würden sich all diese Appelle doch immer noch vor allem an die Mütter richten. Und deshalb sollten wir sie nicht mit einem “Nun habt Euch doch nicht so!” vom Tisch wischen. Ich finde es sehr gut, Frauen gesellschaftlich davon zu befreien, die perfekte Mutter, die perfekte Ehefrau und die perfekte Karrierefrau gleichzeitig zu sein. Das ist ein Schritt in die absolut richtige Richtung, denn daran kann ein Mensch nur scheitern.

Vereinbarkeit ist immer noch irgendwie Frauen-Sache

Doch auch diese Liberalisierung ändert nichts daran, dass “Vereinbarkeit” etwas ist, was immer noch vornehmlich Frauen irgendwie hinbekommen müssen. Da reicht es schon, sich noch einmal die Zahlen anzuschauen: Zwar steigt die Zahl der Väter, die in Elternzeit gehen (immerhin!), doch sie liegt in den ersten drei entscheidenden Jahren immer noch bei mikroskopischen 2,4 Prozent. Lasst Euch nicht davon blenden, wenn Ihr in Berlin-Prenzlauer Berg wohnt! Die deutsche Wirklichkeit sieht anders aus.

Vereinbarkeit heißt doch bei uns immer noch irgendwie: Ich bin Mutter, muss mich um die Kinder kümmern und darf nebenbei noch ein bisschen arbeiten (während mein Mann Karriere macht). Oder ab und an mal ein bisschen Homeoffice einstreuen.

Sich von unrealistischen Erwartungen zu befreien, ist ein richtiger Schritt und ein wichtiger dazu. Doch er ist nur ein Puzzleteil im großen Ganzen. Wirkliche Vereinbarkeit ist nicht allein etwas, was aus dem Inneren der Mutter oder des Vaters nach außen wirkt, weil beide sich mal ein bisschen locker machen.

Echte Gleichberechtigung ist der Schlüssel

Wirkliche Vereinbarkeit können wir erst erreichen, wenn die Möglichkeit dazu auch von außen hinein in Familie und Partnerschaft wirkt. Wenn Männer, ganz genau wie Frauen, in das Zentrum des organisatorischen Herzens der Familie aufrücken, sich nicht nur genauso verantwortlich fühlen, sondern es tatsächlich auch sind – und genauso fehlen, wenn sie nicht da sind. Erst dann haben wir die Rahmenbedingungen, die echte Vereinbarkeit ermöglichen. Denn dann sind Familie und Nicht-Familie/ Beruf gleichermaßen wichtige Bestandteile aller Familienmitglieder. Und das ist der Punkt, an dem man eine Balance zwischen Familie und Nicht-Familie erreicht – das könnte man auch Vereinbarkeit nennen. Und die hat dann nichts mehr mit der Frau, mit der Mutter, zu tun, sondern mit dem Rahmen um sie herum. Der plötzlich goldrichtig ist und in dem sie ganz automatisch ihren Platz findet.

Anders herum gesagt: Erst wenn Männer genauso verantwortlich sind, werden sie mithelfen, die Rahmenbedingungen für echte Vereinbarkeit zu schaffen. Im Moment müssen sie das nämlich noch gar nicht. Meiner Meinung nach sind es nicht Kinderbetreuung, Gleitzeitmodelle oder Konzepte wie Familienarbeitszeit, die uns helfen werden, Berufstätigkeit und Elternschaft zu vereinen. Sondern ganz allein echte Gleichberechtigung wird uns an dieses Ziel führen.

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