Ein Wort zur Selbstverantwortung

Fahrbahnmarkierung (Bild: Michael Petrila on Unsplash)
Wo es lang geht, entscheiden wir (Bild: Michael Petrila on Unsplash)

Kürzlich vertrat ich die These, wir würden uns mit Selbstverantwortung im Beruf schwer tun. Hier möchte ich auf die Kritik dazu antworten – denn im Kern steht eine unterschiedliche Vorstellung davon, was mit Selbstverantwortung gemeint ist.

Kürzlich schrieb ich einen Text, wie schwer wir uns in Deutschland mit Selbstverantwortung tun, wie sehr wir immer noch an der Festanstellung als „normalem“ Arbeitsverhältnis hängen und wie gern wir die Gestaltungsverantwortung in die Hände von Arbeitnehmervertretern oder dem Staat legen (würden).

Ich bin dafür sehr kritisiert worden – ich würde in die Falle des Neoliberalismus tappen, ist mir zum Beispiel vorgeworfen worden, oder, polemischer, ich würde wie zu Zeiten der Agenda 2010 argumentieren, ich sei naiv und unkritisch.

Ich kann diese Kritik nachvollziehen, habe aber das Gefühl, dass sie ins Leere führt. In der Auseinandersetzung mit der Kritik und den Reaktionen ist mir bewusst geworden, dass der Kern eine unterschiedliche Lesart des Begriffs „Selbstverantwortung“ ist.

Selbstverantwortung an den Kern Neuer Arbeit andocken

Worum es mir nicht geht: Selbständige Turbo-Karrieren, Gründungen, Selbstvermarktung, jeder macht alles allein und gesetzliche Regelungen brauchen wir nicht, weil sich das Individuum gefälligst selbst zu kümmern hat. Was weiter gedacht dann eben auch heißt, dass vor allem Privilegierte profitieren – Menschen mit hoher Bildung in infrastrukturreichen, urbanen Regionen. Ich hatte auch notiert, dass Solidarität ein hohes Gut für mich ist. Doch dieser Gedanke verhallte offenbar ungehört.

Worum es mir stattdessen geht: Meine Lesart von Selbstverantwortung in meine Lesart von Neuer Arbeit einbetten. Neue Arbeit heißt nicht, dass jeder gründen muss, dass jeder an seinen eigenen Projekten arbeiten muss, sondern Neue Arbeit heißt, den Gestaltungsauftrag anzunehmen, der mit dem Wandel der Arbeitswelt einhergeht.

Neue Arbeit ist für viele immer noch ein Trend, der den oberen zehn Prozent der Arbeitenden in hippen Berliner Agenturen zuteil wird – Home Office, Kicker, Mate. Mein Verständnis von Neuer Arbeit aber ist umfassender: Es beschreibt für mich einen grundsätzlichen Wandel der Arbeitswelt, angetrieben durch die Digitalisierung, den technologischen Fortschritt und einen Wertewandel. Ich kann das doof finden, ich kann mich von der Technologisierung überfordert fühlen, ich kann Neue Arbeit albern finden und mich entscheiden, da nicht mitzumachen – aber all das wird nichts davon aufhalten. Eine solche Haltung wird nur dazu führen, dass es mich tatsächlich irgendwann kalt erwischt und ich mich vor allem mit den negativen Konsequenzen auseinandersetzen muss.

Selbstverantwortung heißt, dass ich mich auch in meiner muckeligen Festanstellung damit auseinandersetze, wie sich die Welt da draußen verändert. Dass ich nach rechts und links gucke. Selbstverantwortung heißt, dass ich mich als Akteur wahrnehme, mit meinen Vorgesetzten und meinen Kollegen in den Austausch gehe, dass ich Gestaltungsangebote wahrnehme, mich zu Wort melde, für meine Interessen eintrete und versuche, die Interessen anderer Akteure zu verstehen – wenn wir von vernetzten Organisationen sprechen, dann bedeutet das, dass ich mich als Knotenpunkt wahrnehme, als sendend und empfangend gleichermaßen.

Je unübersichtlicher die Welt wird, umso wichtiger wird das

Eine vernetzte Organisation ist nicht dann vernetzt, wenn die Chefs untereinander mehr E-Mails austauschen, sondern wenn die Mitarbeitenden Teil dieser vernetzten Kommunikation sind. Wenn wir transparent und vernetzt arbeiten, wenn wir Gesprächs- und Gestaltungsangebote in der Organisation des 21. Jahrhunderts bekommen, dann müssen wir sie nutzen – und sie nutzen können und wollen. Wir müssen lernen, was es heißt, vernetzt zu kommunizieren und zu arbeiten, und sicherstellen, dass wir die digitalen Skills haben, die dafür notwendig sind.

Kein Gesetzgeber, kein Arbeitgeber, keine Arbeitnehmervertretung kann mir das abnehmen. Arbeitgeber können Fortbildungsangebote machen, doch mich dafür entscheiden und sie annehmen muss ich ganz allein. Der Gesetzgeber kann gesetzliche Regelungen anbieten, doch es liegt in der Natur der Sache, dass Gesetze dann erlassen werden, wenn etwas schon da ist und eingeordnet oder reguliert werden muss. Siehe meine eigene Branche: Das Internet war halt irgendwann erfunden, dann ging die Entwicklung in eine bestimmte Richtung, doch erfassen, was da eigentlich passierte, kann man manchmal erst im Rückblick. Erst viel später wurden Tarifverträge auf dieses neue Medium angepasst, erst viel später gab es überhaupt zusätzliche Honorare für die Autoren für Online (und bis heute sind Online-Honorare viel geringer als z.B. Print-Honorare, obwohl die Lesezahlen online oft wesentlich höher sind).

Ja, ich kann mich in diesem Fall darauf verlassen, dass Betriebsräte, Gewerkschaften oder der Gesetzgeber diese Debatten führen. Das sind wichtige Debatten. Aber wenn wir von VUCA und Komplexität sprechen, dann ist auch klar, dass nicht ein paar solcher Akteure das große Ganze erfassen oder gestalten können (und sollten!). Es war schon immer wichtig, dass sich Arbeitnehmer und Selbständige für ihre Belange eingesetzt haben, doch je unübersichtlicher die Welt wird, umso wichtiger wird das.

Und nicht zuletzt: Die langfristige Festanstellung wird zunehmend zur Illusion. Schon in einer Dekade wird die durchschnittliche Verweildauer in Unternehmen auf ein paar wenige Jahre geschrumpft sein. Diese Zeitspanne sinkt seit Jahren. Und das liegt nicht nur daran, dass jüngere Menschen in immer kürzeren Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, sondern auch daran, dass die Älteren mit den unbefristeten Verträgen aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Und das heißt: Die unbefristete Festanstellung ist schon jetzt ein Auslaufmodell.

Sich in Sitzungen konstruktiv zu Wort melden

Wir werden zunehmend temporär oder in Projekten arbeiten. Die Arbeitswelt der Zukunft wird uns ganz andere Fähigkeiten abverlangen, vor allem die Bereitschaft ständig zu lernen. In einer Anstellung werden wir schon den Blick nach vorn richten, auf die nächste Anstellung oder das nächste Projekt, und strategisch planen und uns kontinuierlich fortbilden. Auch hier: Kein Gesetzgeber, kein Arbeitgeber, keine Arbeitnehmervertretung kann das verhindern oder es uns abnehmen.

Ich halte es für grob fahrlässig, diese Gedanken mit dem Argument wegzuwischen, sie kämen aus der neoliberalen Ecke oder würden einen seelenlosen Turbo-Kapitalismus befördern. Das verschleiert unsere eigene Verantwortung. Es ist prozess- und regelgeleitetes Festanstellungsdenken, das lange sehr gut funktioniert hat in der good ol‘ Bundesrepublik. Doch diese Zeiten sind vorbei. Was vor uns liegt, ist eine bunte, vielfältige, menschliche Arbeitswelt, die aber auch kräftezehrend und herausfordernd sein wird. Und die deshalb von uns gestaltet werden muss – von jedem Einzelnen, jeden Tag.

Und genau aus diesen Gründen kann Selbstverantwortung in meinem Sinne schon sein, den Wandel positiv anzunehmen und sich in Sitzungen konstruktiv zu Wort zu melden. Ja, da geht es schon los – ich habe immer noch Kollegen, die meinen, dass das mit dem Internet wieder weggehen wird, dass das ein großer Irrtum der Medienhäuser und der Gesellschaft ist und dass wir das schon noch begreifen werden. Solche Fehleinschätzungen sind das Gegenteil von Selbstverantwortung, denn sie verhindern ein beherztes Anpacken. Doch Selbstverantwortung beginnt bei mir bereits mit einer offenen Haltung.

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