Gemeinsam auf dem Weg zur Neuen Arbeit

Gebhard Borck und Joan Hinterauer (Foto: Chris Kreymborg)
Gebhard Borck und Joan Hinterauer (Foto: Chris Kreymborg)

Gebhard Borck und Joan Hinterauer sind die Macher der „Perspektivreise Mittelstand“, in der sie Unternehmer mit auf eine Reise in Richtung Neuer Arbeit nehmen. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg mit ihnen – und geben ihnen eine eigens entwickelte Methode an die Hand.

Gebhard Borck und Joan Hinterauer veranstalten im November die „Perspektivreise Mittelstand“: An fünf Tagen sind Unternehmer aus kleinen und mittelständischen Unternehmen eingeladen, sich mit den beiden auf den Weg zu machen – es ist eine Reise in die neue Arbeitswelt, physisch und gedanklich. Zusammen wollen sie Antworten auf Fragen zur Organisation, zum Geschäftsmodell, zur Rollenstruktur oder zum Entscheidungsdesign in den Unternehmen finden. Die Hoffnung: Dass am Ende ein Konzept steht, mit dem sie ihr Unternehmen erfolgreich in die Zukunft führen.

Das ist so spannend, dass ich mit Joan und Gebhard über die Perspektivreise gesprochen habe. Sie haben mir verraten, wie sie zu ihren Themen gekommen sind, woher die Idee zu der Perspektivreise stammt und welche Methode sie dafür entwickelt haben.

Wie seid ihr zum Thema „Neue Arbeit“ gekommen?
Joan:
Ich habe einige der tiefen Abgründe des Kapitalismus gesehen und mich in dem System dabei fast selbst verbrannt – weil ich versucht habe, zwischen reinem Kapitalinteresse und den Menschen auszugleichen. Ich war lange Jahre als Projektleiter tätig, bin dann in den Vertrieb gewechselt und habe meine Karriere im Hamsterrad als Leiter Vertrieb- und Marketing beendet. Dabei habe ich erlebt, was es bedeutet, wenn Geschäftsführer richtig dicke Böcke in Form von Fehlentscheidungen schießen.
Gebhard: Ich habe mir schon in meiner Diplomarbeit Ende der 90er-Jahre die Frage nach der Zukunft des Managements von selbststeuernden Prozessen gestellt. Heute steht die Frage im Rahmen von Arbeit 4.0 und der voranschreitenden Digitalisierung mehr denn je im Zentrum der Aufmerksamkeit – nicht nur meiner eigenen. Seit meiner Diplomarbeit suche ich als freiberuflicher Berater zusammen mit Firmen nach praktikablen Wegen, Arbeit ohne Management sinnvoll zu organisieren. Denn die Zentralisierung von Entscheidungen dauert lange, überhöht individuelle Macht zum Nachteil der Organisation und ist ungeeignet, um mit dynamischen Marktanforderungen umzugehen.

Wie haben sich dann Eure Wege gekreuzt?
Joan:
Ich habe Weihnachten 2016 in meiner ersten Sinnkrise in der Selbstständigkeit nach einem Hebel gesucht, um „Influencern“ einen schnellen und effektiven Zugang zu Erfahrungen des neuen Arbeitens zugänglich zu machen. Dabei ist die Idee zu der Lernreise „New Work Road Trip“ entstanden.
Gebhard: Und ich bin immer auf der Suche nach neuen Wegen, mehr Unternehmern die Alternativen aus meinen Erkenntnissen in Kundenprojekten zugänglich zu machen. Im Frühjahr entdeckte ich das Angebot von Joan Hinterauer, Firmen, die etwas anders machen, zu besuchen. Die Idee gefiel mir sehr gut.
Joan: Eine Reise ermöglicht eine tiefe Begegnung mit den Pionier-Menschen des neuen Arbeitens. Erst diese emotionale Berührung lässt uns so lernen, dass wir es schnell selbst in die Umsetzung bringen können. Ein Workshop, Training oder Konferenzbesuch ist nur Oberfläche, da wird das Unbewusste nicht angeregt.

(Foto: Chris Kreymborg)
(Foto: Chris Kreymborg)

Wie genau sieht diese Reise denn aus?
Gebhard:
Wir wollen den Unternehmern in möglichst kurzer Zeit eine möglichst hohe Wirksamkeit anbieten. Dazu vergleiche ich unsere Arbeit mit der Wirkungsweise eines Katalysators: Anstatt völlig neue Prozesse umzusetzen, wollen wir vorhandene Entwicklungen sinnvoll beschleunigen. Mit der Perspektivreise triggern wir ganz verschiedene Lernebenen.
Joan: Die Perspektivreise verbindet eine Lernreise mit einem Leadership-Training und einem Strategieentwicklungsprozess – mit dem Ergebnis, dass die Teilnehmenden hinterher Fisch von Fleisch unterscheiden können. Damit sind die unzähligen verwirrenden Angebote am Markt gemeint. Die Unternehmer gewinnen dadurch eine ganz neue Souveränität zurück: Sie haben hinterher verstanden, dass keine Methode die Lösung ist, sondern die authentische Beteiligung der Mitarbeiter. Sie verstehen, dass nicht die Methoden die Lösung sind, sondern die ungenutzten Potentiale ihrer Mitarbeiter.
Gebhard: Wir sind faktisch, physisch auf einem Weg – innerhalb eines kompakten Zeitfensters von gerade einmal fünf Tagen. Wir besuchen Vorbilder, die sichtbar wirksam etwas wie das Geschäftsmodell, die Entscheidungsfindung oder die Aufbauorganisation anders machen.

Eure Methode ist die „Betriebskatalyse“. Was genau ist das?
Gebhard:
Die Betriebskatalyse ist ein Denkwerkzeug, eine Meta-Methodik. Wer sie anwenden kann, ist ein Betriebskatalysator. Betriebskatalysatoren eröffnen Unternehmen eine dezentrale Organisation ohne formale Führungsstrukturen, die dennoch auch auf zentrale Themen achtet und sie weiterhin bearbeitet. Es ist eine neue Rolle, jenseits der bestehenden Führungsarchetypen.
Joan: Die Betriebskatalyse ist ein Werkzeug, das aufklärend wirkt und ein Menschenbild der Mündigkeit und Selbstverantwortung zulässt. In diesem Möglichkeitsraum können sich die Menschen entwickeln und sie fangen selbst an, sich die entscheidenden Fragen zu stellen. Sie gibt keine Geschwindigkeit und keine Richtung vor. Das bedeutet für mich, dass sich dieses Modell bereits am Individuum orientiert und nicht mehr am vermeintlich „führenden und größeren“ System der Organisation – das stellt einen Paradigmenwechsel im Entwicklungsansatz dar.
Gebhard: Betriebskatalysatoren sollten klug, aufgeweckt, sozial kompetent, demütig, tolerant und aufgeschlossen sein. Sie sollten wenig Interesse an Durchsetzungsmacht haben. Sie agieren im Kern der Organisation und wirken von dort systemisch nach außen – ohne Weisungsbefugnis.

(Foto: Chris Kreymborg)
(Foto: Chris Kreymborg)

Wie funktioniert das?
Gebhard:
Zu jedem strukturell oder strategisch relevanten Thema, sei es Einstellungen, Prozessveränderungen, die Neuausrichtung von Teams etc., beantworten wir in der Betriebskatalyse drei Metafragen:
1. Wer ist in die Entscheidung einzubeziehen?
2. Welches Element der Firma ist betroffen? und
3. Wie setzen wir die Veränderung um?
Veränderung findet auf diese Weise tatsächlich statt. Mit allen, im Bewusstsein aller, in hoher Effizienz wie Effektivität – und ganz ohne formale Führungskräfte.
Joan: Die Betriebskatalyse kann als Ausgangsbasis für eine ganz neue Betriebswirtschaft dienen.


Weitere Informationen zur Perspektivreise Mittelstand


Ihr habt vor allem den Mittelstand im Blick. Woran liegt das?
Gebhard:
Zum einen erreichen wir hier die meisten Arbeitsplätze. Zum anderen sind Mittelständler fähiger und wirksamer in Veränderungen. Es gibt schlicht weniger Politik, die einen solchen Wandel zu verhindern sucht.
Joan: Der Mittelstand ist deshalb so wichtig, weil er immer noch ein Träger von menschenorientierten Werten ist. Zudem sind die Inhaberstrukturen noch „echter“ und die Firmen sind im Vergleich zu Aktiengesellschaften nicht in erster Linie dem Ertrag der Aktionäre verpflichtet.

Und wo führt das alles hin?
Gebhard:
Die administrativen und steuernden Aufgaben des Managements werden wir zunehmend automatisieren. In der Zukunft werden sich Unternehmen aus stabilen sozialen Netzwerken bilden, in denen Menschen zusammenwirken und die aufeinander vertrauen – auf die Arbeitsleistung der anderen genauso wie auf den Zusammenhalt in Krisen.
Joan: Ich glaube, unser Wirtschaftssystem wird sich dahingehend entwickeln, dass jeder einzelne sich einem gerade zu seiner Lebenssituation passenden Netzwerk anschließt und es wieder verlässt, wenn es ihn nicht mehr erfüllt. Dadurch werden sich Unternehmensgrenzen zum Teil ganz auflösen oder kaum mehr sichtbar sein. Ein abgeschlossenes System hat aus dieser Perspektive keinen Sinn mehr, weil es nicht mehr darum geht, den Gewinn innerhalb dieses Systems zu steigern – der Fokus liegt vielmehr auf der Entfaltung des einzelnen.

Ich danke Euch für das Gespräch.

(Foto: Chris Kreymborg)
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