Ein „Chef“ ist keine Führungskraft

Reich mir Deine Hand: Gute Führung geht nur gemeinsam. (Foto: Viktor Hanacek / http://viktorhanacek.com) (Foto: Viktor Hanacek / http://viktorhanacek.com)
Reich mir Deine Hand: Gute Führung geht nur gemeinsam. (Foto: Viktor Hanacek / http://viktorhanacek.com)

Es gibt entscheidende Unterschiede zwischen „Chefs“ und „Führungskräften“. Chefs sind einem Missverständnis aufgesessen, wie ihre Rolle aussieht und was eigentlich ihre Aufgaben sind – denn gute Führung ist so viel mehr als nur „Chef“ sein.  

Je älter ich werde und je länger ich im Beruf stehe, umso klarer wird mir die Bedeutung einer guten Führungskraft. Doch was macht eine gute Führungskraft aus? Meiner Meinung nach gibt es große Unterschiede zwischen einem „Chef“ und einer „Führungskraft“.

Kompetente Führungskräfte sind nötiger denn je

Besonders im Journalismus sind gute Führungskräfte dringend nötig. Die Medienhäuser befinden sich gerade in ziemlich rauer See, die Digitalisierung schüttelt hier ziemlich viel durcheinander. Umso wichtiger sind kompetente Führungskräfte, die beherzt zupacken und visionär nach vorn schauen. Das sehe ich aber viel zu selten. Warum? Weil viele Führungskräfte nur Chefs sind.

Beide, Führungskräfte und Chefs, haben Macht. Was sie unterscheidet, ist der Gebrauch dieser Macht. Vor allem aber unterscheiden sie sich im Verständnis ihrer Rolle innerhalb der Organisation und vor ihren Mitarbeitern. Heute möchte ich über die Rolle einer Führungskraft in ihrer Organisation nachdenken. Was ich unter Macht verstehe und wie sie eingesetzt werden sollte, das werde ich nur streifen; ausführlicher habe ich mich damit an anderer Stelle auseinander gesetzt.

Was also ist der Unterscheid zwischen der Person, die ich als „Chef“ bezeichne und der, die ich als „Führungskraft“ bezeichne? Zuerst: Ich denke nicht, dass eine Führungskraft in der Lage sein sollte, die Arbeit besser als ihre Mitarbeiter zu erledigen. Es ist wichtig, dass sie Bescheid weiß, was die Aufgaben sind und auch dass sie weiß, wer für was zuständig ist. Aber vor allem sollte sie sich trauen, zu fragen und von ihren Mitarbeitern zu lernen. Versteht mich richtig: Ohne Kompetenz geht nichts. Ich erwarte ein hohes Maß an Know-how von meinem Vorgesetzten. Doch die Hauptaufgabe einer Führungskraft ist nicht, die Arbeit ihrer Untergebenen zu erledigen. Es ist ihre Aufgabe, die Mitarbeiter zu führen.

Chefs sind die Bürokraten im Büro

Viele Chefs missverstehen das Konzept von „führen“. Für sie bedeutet führen vor allem, Macht zu besitzen und sie auszuüben. Chefs üben ihre Macht aus, indem sie Anweisungen und Befehle geben und darüber wachen, dass sie befolgt werden. Und hinterher bewerten sie die Ausführung. Das tun sie entweder direkt oder institutionalisiert z.B. in jährlichen Beurteilungsgesprächen. Sie sind die Bürokraten im Büro – sie sorgen dafür, dass am Ende des Tages die Arbeit erledigt ist. Dafür brauchen sie ihre Mitarbeiter.

Das Hauptinteresse eines Chefs liegt dabei darin, seine Position und seine Macht zu erhalten. Er ist stolz darauf, dass er der Chef ist, dass er ein Team unter sich hat, dass er etwas zu sagen hat. Er hat ein eigenes Büro, ein Diensthandy, einen Dienstwagen. Die Interessen der Mitarbeiter und der Firma kommen irgendwo auf den folgenden Plätzen.

Für eine gute Führungskraft ist „führen“ etwas ganz anderes. Eine Führungskraft legt den Fokus auf die Menschen, auf jede einzelne Person im Team, nicht auf die Aufgaben, die erledigt werden müssen. Führen bedeutet für sie, einen Raum zu schaffen, in dem sich die Mitarbeiter entfalten können. Nur wo Menschen sich wohlfühlen, wo sie das Gefühl haben, ernst genommen zu werden, sind sie in der Lage, ihre bestmögliche Arbeit abzuliefern – weil sie es nur dort auch selbst wollen.

Führen sollte sich also immer um die Mitarbeiter, um das Team drehen. Dass die Arbeit dann gut erledigt wird, fällt fast automatisch zusammen. So schwierig ich den Begriff „Humankapital“ finde, so sehr ist es doch im Kern genau das: Die Mitarbeiter sind ein Asset, ein Vermögen, mit dem das Unternehmen wuchern kann. Das sollte im Unternehmen auch bewusst gelebte Kultur sein – und das Miteinander im Team durchwirken.

Eine Führungskraft hat die Mitarbeiter immer im Blick

Das konsequent weitergedacht bedeutet: Eine gute Führungskraft macht aus all ihren Mitarbeitern potenzielle Führungskräfte. Das heißt nicht, dass jeder eine Führungskraft werden muss oder das wollen muss. Das bedeutet lediglich, den Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, ihr Potenzial zu entdecken und sich zu entwickeln, zu reifen, zu lernen.

Somit ist eine wichtige Aufgabe einer Führungskraft, die Atmosphäre zu gestalten. Welcher Ton herrscht in der Abteilung? Welche Fehlerkultur wird praktiziert? Wie werden Veränderungen kommuniziert? Welches Mitspracherecht hat jeder einzelne Mitarbeiter, wird er angehört? Das sind entscheidende Fragen. Denn: Wer nicht lernt, wer sich nicht entwickelt, wird scheitern. Und eine gute Führungskraft hat erkannt, dass sie auch viel von ihren Mitarbeitern lernen kann.

Tl;dr

Schlechte Führung ist auf die Erledigung der Aufgaben ausgerichtet und sanktioniert Zielverfehlungen. Gute Führung ist auf die Mitarbeiter ausgerichtet und schafft einen Raum, in dem alle gut arbeiten können. Sie unterstützt eine Atmosphäre von Vertrauen und etabliert eine gesunde Fehlerkultur – im besten Falle eine, in der das Team zusammen aus gemachten Fehlern lernt.

Eine besonders interessante und auch recht radikale Herangehensweise an Leadership hat der Ex-U-Boot-Kapitän David Marquet. Ich habe seine Geschichte aufgeschrieben: Leadership unter Wasser

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