“Mütter müssen lernen, ihre Kinder abzugeben”

Michèle Binswanger (Foto: André Albrecht)
Michèle Binswanger (Foto: André Albrecht)

Sie legen den Finger in die Wunde und machen doch gleichzeitig Lösungsvorschläge: Die Schweizer Autorinnen Michèle Binswanger und Nicole Althaus fordern Mütter auf, ihre Partner mehr zu beteiligen. Warum, erklärt Michèle Binswanger im Interview.

Mit ihrem Buch “Macho-Mamas: Warum Mütter im Job mehr wollen sollen” wollen die Schweizer Autorinnen Michèle Binswanger und Nicole Althaus Mütter ermutigen, für ihre Bedürfnisse zu kämpfen und diese auch gegenüber ihrem Partner zu artikulieren. Denn Frauen kommt noch immer ihre Karriere abhanden in dem Moment, an dem sie Mutter werden und ein Kind in die Welt setzen. Das muss nicht sein, meinen die beiden, und haben ein Plädoyer für die Abschaffung von Genderzuschreibungen verfasst: Eine Mutter kann nur beides haben – Kind und Karriere – wenn der Mann seinen Teil dazu beiträgt. Und auch sie selbst muss sich intensiv dafür engagieren.

“Macho” klingt ja erst einmal ziemlich männlich. Kann es denn die Lösung sein, dass Frauen männliche Verhaltensweisen annehmen? Warum kann die Welt nicht einfach weiblicher werden?
Ich glaube nicht, dass die Welt weiblicher oder männlicher werden muss. Aber ich glaube, beide Geschlechter könnten in verschiedenen Hinsichten voneinander und ihren jeweiligen Rollen lernen. Der Titel ist mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Denn sobald Frauen Mütter werden, gibt es tausend Ansprüche und Erwartungen und man kann eigentlich nur noch alles falsch machen. Die meisten Frauen sind deshalb auch verunsichert. Hier darf man dann als Frau auch mal den Macho geben und sagen: Kriegt euch mal ein, ich mache es jetzt so, wie ich es für richtig halte.

Familie gründen ist immer auch Verzicht

Insgesamt ist Ihre Forderung ja nicht besonders überraschend: Frauen brauchen die Unterstützung der Männer, die Männer müssen sich genauso verantwortlich fühlen. Das ist ja schon oft gefordert worden – ist es (in der Theorie) wirklich so trivial?
Ja, ich glaube, es geht nicht anders. Und wie Sie sagen ist nur die Theorie trivial – es gibt kein Patentrezept, wie das umzusetzen ist. Eine Familie zu gründen heißt immer, auf vieles zu verzichten und sich für eine Weile einzuschränken. Bis jetzt haben vor allem die Frauen verzichtet. Aber wenn man die weiblichen Arbeitskräfte tatsächlich will, wenn man mehr Frauen in den Führungsetagen will, dann geht es nicht anders, als dass man sich die Kosten der Familie gerechter aufteilt: dass die Männer zu Hause mehr anpacken und die Frauen auch finanzielle Verantwortung übernehmen.


Dies ist ein Stück, das für das Projekt „BizzMiss“ entstanden ist – ein Online-Magazin, das ich im Jahr 2014 mit drei Mitstreiterinnen gründete. BizzMiss gibt es mittlerweile nicht mehr. Hier habe ich notiert, warum das gut ist.


Aus welchen eigenen Erfahrungen heraus entwickelte sich bei Ihnen die Erkenntnis, dass Frauen “Macho-Mamas” werden müssen, wie war das bei Ihnen?
Ich habe mit 29 Jahren mein erstes Kind bekommen. Ich war gerade erst mit dem Studium fertig und hatte mir zu dem Zeitpunkt noch nicht viele Gedanken über Kinder gemacht, aber mein Partner wollte früh Kinder haben. Ich willigte ein unter der Bedingung, dass ich weiter arbeiten und er einen wesentlichen Anteil übernehmen würde. So haben wir es dann auch gemacht: Die ersten Monate ist er zu Hause geblieben und ich habe das Geld verdient. Denn nach der langen Ausbildung kam für mich nicht in Frage, jetzt einfach ein paar Jahre zu Hause zu bleiben. Es war einigermassen anstrengend, vor allem zu Beginn, aber heute bin ich sehr froh darum. Und es gab einige Momente, in denen ich dachte: Zum Glück haben wir das vorher besprochen und können uns jetzt darauf berufen, weil ich sonst wohl nicht die Kraft gefunden hätte, mich durchzusetzen.

Kinder leiden, wenn man sie zum alleinigen Lebensinhalt macht

Was ist so schlecht an einer Rollenverteilung in einer Partnerschaft? Wäre es nicht vielleicht auch im Sinne der Kinder, wenn ein Elternteil – und das kann ja auch der Vater sein – sich ausschließlich auf sie konzentrierte?
Ich glaube nicht, dass man Kindern einen Gefallen tut, wenn man sich ausschließlich auf sie konzentriert. Über-Fürsorglichkeit kann sich auf Kinder genau so schlimm auswirken wie Vernachlässigung. Kinder brauchen Liebe, Sorge und stabile Strukturen, das bleibt während ihrer Entwicklung konstant. Aber sie leiden darunter, wenn man sie zum alleinigen Lebensinhalt macht, besonders dann, wenn sie größer und selbstständiger werden. Gerade deshalb finden wir es wichtig, dass Mütter ihren Lebenssinn nicht nur in ihren Kindern finden, sondern sich auch als Personen weiter entwickeln, eigene Interessen, Pläne und Ziele haben.

Viele junge Mütter in meinem Freundeskreis haben sich fest vorgenommen, wieder arbeiten zu gehen. Oft klappt das aber nicht so richtig – das Kind ist dann doch wichtiger oder schränkt dann doch zu sehr ein. Was raten Sie diesen Frauen?
Ich rate ihnen, sich daran zu erinnern, wer sie waren, bevor sie Kinder hatten. Und daran zu denken, dass die Kinder grösser werden und sie irgendwann nicht mehr so sehr brauchen. Gemessen an einem ganzen Frauenleben ist die Phase, in der die Kinder so viel Zeit in Anspruch nehmen, doch sehr kurz. Wenn man dazu noch eine gute Ausbildung hat, ist es einfach schade, alles über Bord zu werfen.

Viele Männer wollen ja auch gar keine Frau, die daheim das Hausmütterchen gibt. Warum klappt es dann doch nicht so richtig?
Das hat ganz unterschiedliche Gründe: Das Modell mit der gegenseitigen Aufgabenteilung ist im ersten Moment aufwändiger als das traditionelle Modell, und zahlt sich erst nach ein paar Jahren aus. Es ist zudem schwieriger zu bewerkstelligen, weil nicht allen Arbeitnehmern erlaubt wird, Teilzeit zu arbeiten. Und vor allem die Männer müssen sich gegen Vorurteile durchsetzen. Oft orientieren sich junge Eltern daran, wie es ihre eigenen Eltern gemacht haben und fallen deshalb, nach ein paar halbherzigen Versuchen mit Rollenteilung, ins alte Modell zurück. Wenn man dieses Modell will, muss man sich bewusst dafür entscheiden und zwar am besten als Paar und noch vor der Geburt. Denn von alleine passiert es nicht.

Es klappt nicht gleich alles reibungslos

Wie organisiert man denn die “neue” Rollenverteilung, wie bekomme ich meinen Partner dazu, in das emotionale und organisatorische Zentrum der Familie aufzurücken?
Ich glaube, das ist schon die falsche Ausgangslage. Man kann niemanden zwingen, ein emotionales Zentrum zu werden. Man kann nur Rahmenbedingungen schaffen und hoffen, dass sich die Situation entsprechend entwickelt. Während der Schwangerschaft und in den ersten Monaten sind Mutter und Kind eine Einheit und bilden automatisch das emotionale Zentrum der Familie. Und auch wenn der Partner später Verantwortung bei der Betreuung und im Haushalt übernimmt, kann man nicht davon ausgehen, dass alles gleich reibungslos klappt. Wichtig ist aber, dass man dem Partner den entsprechenden Raum gibt, seinen Platz in der Familie einzunehmen. Viele Mütter haben damit anfangs Schwierigkeiten und belehren ihre Partner dauernd, wie man es richtig macht. Mütter müssen lernen, ihre Kinder abzugeben und ihren Partnern zu vertrauen – das ist die Voraussetzung.

“Hausmann” ist ja immer noch so etwas wie “Weichei”. Wie geht man mit der Skepsis im Umfeld um?
Viele Männer haben mir erzählt, dass dieses Vorurteil tatsächlich existiert. Und dass man als Mann mit einem Kleinkind auf dem Spielplatz immer noch ein Außenseiter ist. Ich denke, man gewöhnt sich daran und die meisten Männer schätzen die Zeit mit ihren Kindern genug, dass sie darüber hinwegkommen. Aber es hilft sicher, wenn man mit dieser Erfahrung nicht alleine bleibt und sich auch mit anderen Vätern darüber austauschen kann.

Frau Binswanger, herzlichen Dank für das Gespräch.

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